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Tram 901 - Ein Arbeitsweg mit Hindernissen... Heute: Die Arbeitsplatte!

Geschrieben von Michael Lümmen. Veröffentlicht in Der Morio

Als ich in den U-Bahnhof Duisburg komme, sehe ich einen jungen Mann vor einem dieser neuen Verkehrsverbund-Automaten stehen. Er starrte reichlich ratlos auf den kundenfreundlichen Bildschirm.
Ich spreche ihn an: "Wo musst Du denn hin".
Er wimmert: "Ich versteh das nicht ..."
Ich: " Ja ich weiss, wo musst denn hin"
Er: "Grad hat mich der Bildschirm gefragt, ob ich ne Gruppe bin! Bin ich ne Gruppe ?"
Ich: "Interessante Frage. Lass mal durchzählen..."
Er: "Eins! Ne bin nur einer. Ich muss nach Beek"
Ich: "Oh das trifft sich, ich bin Premium.."
Er: "Angenehm. Ich heiße Klaus. Hilsft Du mir ne Karte zu ziehen Premium?"
Ich erkläre ihm das Kartensystem des Duisburger Nahverkehrs und warum ich jemanden mir meiner Karte umsonst mitnehmen darf. Er ist begeistert.
In der U-Bahn frage ich ihn woher er kommt. "Na wenn Du Duisburger Premium bist, bin ich praktisch Beeks Export..." Verstehe ihn. Kenne Beeks Export.
In Beek fragt Klaus mich , wann ich wieder zurückfahre ...
Ich: "Moah, halbe Stunde schätze ich..."
Er:  "Oh super, länger brauche ich auch nicht. Dann können wir uns vielleicht hier verabreden und du nimmst mich wieder zurück?!"
Ich sage: "Warum nicht..!"
Klaus strahlt und nimmt eines von insgesamt 5 oder 6 Handys aus seiner Tasche.
Er: "Hier nimm das, falls was ist. Hat so nen lustigen arabischen Klingelton"
... Meine Nummer ist ... Deine Nummer ist ... dann verschwindet er in der Menge.
Begebe mich auf den Weg zum Baumarkt, ne Arbeitsplatte besorgen.
Zwei Minuten später ruft Klaus das erste mal an: "Hallo Premium, wollte nur mal gucken ob alles funktioniert."
"Ich heiße nicht...", er legt auf...
Weitere zwei Minuten klingelt das  Handy erneut: "Hi, wollte nur mal Fragen wie es dir so geht..."
Bis ich den Baumarkt erreiche ruft Klaus noch drei mal an. Immer um sich nach meinem Wohlbefinden zu erkundigen.
Und immer mit diesem lustigen Salemaleikum-Klingeln. Kriege ernsthafte Angst.
Werfe das geliehene Handy in den Mülleimer am Eingang und beschliesse für die Rückfahrt zur Station Obermarxloh zu laufen.
Im Baumarkt sind massive Buchenholzplatten im Angebot, 3,20 Meter mal 1 Meter für 35 Euro. Ganz egal wieviel das in Mark ist, das ist bestimmt günstig.
Gehe zum Fachvedrkäufer und verlange ein Einmeterundzwanzig langes Stück. Er sagt, das geht nicht. Weil es im Sonderangebot ist, gibt es keinen Teilverkauf.
Man muss die ganze Platte kaufen. Verziehe irritiert das Gesicht.
Er muntert. mich auf: "Ja wenn se nur ein LIed von ner CD wollen, müssen Sie auch die ganze CD kaufen, hök hök hök...!!!" - So lacht der Baumarktfachverkäufer!
"Zuschneiden kann ich Ihnen die Platte aber". Bezahle die Platte und lasse mir sie in zwei Teile a 1,2 und 2 Meter schneiden.
Stelle mich dann in den Baumarkt und rufe: "1A Buchenholzarbeitsplatte, 2 Meter mal 1 Meter, frisch zugeschnitten nur 34 Euro..."
Ein anderer Mitarbeiter kommt und untersagt mir mein Subunternehmertum. Zerre dann beide Platten aus dem Baumarkt.
Als ich den Mülleimer erreiche, sehe ich, dass dieser mittlerweile recht weiträumig vom Wachschutz abgesperrt ist. Frage einen Wachschutzmann was los ist.
"Da kommt ständig so ne arabische Melodie aus dem Mülleimer rausgeklingelt. Immer im Abstand von genau 2 MInuten. Aber keine Angst, wir haben schon ein Sprengstoffsonderkommando angefordert. Müssen jeden Augenblick hier sein. Geschäftsleitung berät gerade, ob sie das Gebäude evakuieren sollen. Dat wird ein teurer Spaß"
Ich lächle den Wachschutz verstohlen an und gehe weiter.
Dann trifft das Sprengstoffsonderkommando ein. Schnell haben Sie das Handy im Mülleimer gefunden. Einer der Männer geht ran, hört kurz zu, dann fragt er: "Heißt hier einer Premium?"
Beschliesse, dass ich jetzt schnell mal weiter muss. Zerre die Platten zu Strasse.  Massives Buchenholz ist sehr, sehr , sehr sehr schwer. Ich kann unmöglich beide Platten gleichzeitig tragen.
An der Strasse winke ich nach einem Taxi, aber jedes mal wenn die Fahrer die 2 Meter lange Arbeitsplatte sehen, winken sie nur müde ab.
Gut, dann eben zur U-Bahn. Aber Mist in Beek steht Klaus. Also nach Obermarxloh. Gott!
Ich wähle die Etappen-Taktik. Trage immer eine Platte 10 Meter, stelle sie dann ab. Hole die andere Platte nach. Trage wiede reine voraus, usw. usw. , bis nach Obermarxloh. Kann ein langer Anend werden...
Hab gerade die große Platte abgesetzt und bin wieder 10 Meter zurück um die Kleine nachzuholen, da schnappt sich ein Junger Mann die große Platte und rennt damit weg. Greife mir die Kleine und renne ihm hinterher. Wobei rennen ist schon ein bisschen übertrieben. Tatsächlich bewegen wir uns wegen der schweren Platten ziemlich langsam. Es entsteht eine recht skurile Verfolgungsjagt. Nicht so rasend und hektisch wie in Blues Brothers oder French Conenction, sondern mehr so wie aus einem Win Wenders Film. Also wenn Wim Wenders Verfolgungsjagten machen würde, dann wahrscheinlich so. Ganz ruhig, langsam schlepptend keuchen wir hintereinander her.
Ab und zu rufe ich der Form halber mal: "Stehen bleiben" oder "Haltet den Dieb". Aber er läuft weiter.  Da ich die kleinere Platte habe, kann ich den Rückstand tatsächlich verkleinern. Guck was so'n alter Handballer ist, dem läuft son'n junger Spund nicht so schnell weg, ja ja...
Immer kleiner wird der Abstand. Plötzlich sind es noch 2 bis 3 Meter, fast hab ich ihn. Da fällt mir plötzlich auf, dass er in die für mir richtige Richtung läuft.
Lass mich wieder zurückfallen. Ruf ihm noch zu: "Man man man - gleich bin ich platt" und freu mich fortan über jeden Meter, die er mir die Platte trägt.
Rund 200 Meter vor der Station Obermarxloh bricht er dann doch zusammen. Ich lauf zu ihm auf. Er stöhnt: " OK du hast mich, hierhast du deine blöde Platte".
Will ihn aufmuntern: "Ach was, bin auch fix und fertig - halt noch 200 Meter durch...". Er wirft sich flach auf den Boden.
Hole aus einer Bäckerei 2 Brötchen und nen Kaffee, um ihn etwas aufzupeppeln. Er schaufelt das Zeug in sich rein, aber weigert sich beharrlich mich anständig weiter zu bestehlen. Dann geht er einfach weg -  Frechheit!
Trage wiede eine Platte voraus und warte bis mich der Nächste bestiehlt. Nix passiert. Vielleicht keine gute Ecke zum Beklaut werden.
Ob ich mit den Platten weiter in Marxloh rein sollte? Schaffe sie dahin! Doch auch da - nix!
Gegen Einbruch der Dunkelheit döse ich auf einer Parkbank weg. Als mich die Vögel am nächsten Morgen wecken, stapeln dich neben meinen Platten ca 10 Kubikmeter Sperrmüll!
Na da soll mal einer sagen in Marxloh kriegste nix geschenkt!